Die Seenregion machte uns den Abschied leicht, mit so starkem Regen, dass unsere Markise den Wassermassen nicht standhalten konnte und eines Nachts mit lautem Scheppern vom Auto abriss. Wir hatten sie extra draußen gelassen, um ein trockenes Plätzchen zum frühstücken zu haben… Zum Glück fanden wir schnell eine Werkstatt, die sie für ein Trinkgeld wieder annietete und flohen dann rund 200 km weiter in den sonnigen Norden. Gemeinsam mit zwei anderen Paaren, jeweils ebenfalls im Defender  unterwegs, fanden wir einen leeren Campingplatz mit gleich zwei Pools und Grills, beste Voraussetzungen für entspannte Tage mit einigen Tätigkeiten am Auto. Sharon und Frank aus Australien sowie Isa und Thorsten aus Deutschland (www.quitelame.tumblr.com), die netterweise sogar noch ein Ersatzteil für uns dabei hatten. Der Dulli wurde kräftig auf Diät gesetzt und wir erleichterten ihn um bestimmt 30-40 kg an überflüssigen Teilen und Ausrüstung, jedes Kilo zählt, insbesondere wenn es irgendwo oben am Auto sitzt und den Schwerpunkt nach oben verlagert. Die Männer lagen stundenlang unter dem Auto und beseitigten gleich noch ein Quietschen und begutachteten ausgiebig den Unterboden.

Karte

Weiter ging es an die Küste und zum ersten Mal blickten wir auf den Pazifik. Das Wasser wird in Chile aufgrund des Humboldt Stroms nie so richtig warm (aktuell rund 14 Grad), aber dank der herrlich warmen Luft konnten wir trotzdem ganz kurz baden bzw. mit unseren dicken, Nord- und Ostsee erprobten Neoprenanzügen angenehm surfen. Auf der Suche nach einer in der Nebensaison geöffneten Surfschule legten wir den ersten Stopp nahe Curanipe ein. Leider war alles geschlossen, was allerdings den Vorteil hatte, dass wir auf dem eigentlich geschlossenen Campingplatz kostenlos campen konnten und uns so den schönsten Meerblick und direkten Strandzugang sicherten.

Einige Kilometer weiter nördlich hatten wir am nächsten Tag mehr Glück und fanden einen entspannten Surfspot mit einem Hostel, vor dem wir campen konnten. Auch hier war nur noch wenig los und die richtige Surfschule war bereits geschlossen. Einer der Besitzer erklärte sich aber bereit, uns Surfunterricht zu geben und so nutzten wir das herrliche Wetter und die durchaus anspruchsvollen Bedingungen für den Beginn unserer Surferkarriere in Südamerika. Unser Lehrer war zum Glück Engländer, was die Kommunikation erheblich erleichterte. Ansonsten war allerdings nicht mehr viel britische Mentalität spürbar, er verschlief regelmäßig den Beginn unserer Stunden (seine Uhr ging falsch…), stand uns dafür aber so lange zur Verfügung bis wir müde waren. Was schneller ging als uns lieb war. Trotz der zum Teil hohen Wellen, die uns regelmäßig in den Schleudergang versetzten und an einem Tag so dicht aufeinanderfolgten, dass ich kaum mehr Luft bekam und zugegeben etwas in Panik geriet, verzeichneten wir einige erfolgreiche Versuche auf dem Brett. An den zu wilden Tagen überließen wir die Wellen schließlich den Profis und genossen stattdessen die Sonne. Auch nicht übel.

Unser ursprünglicher Plan sah den nächsten Stopp in der Weinregion rund um Santa Cruz vor, aber wie das immer so ist mit Plänen – sie sind dazu da, um wieder geändert zu werden. Der Grund war dieses Mal allerdings weniger erfreulich. Zum ersten Mal auf der Reise wurde einer von uns krank und dann erwischte es Malte auch noch so heftig, dass es nicht mit zwei Tagen Ruhe wieder erledigt war. Er betätigte sich in den letzten Tagen am Strand schon mehr an der Kamera und weniger auf dem Surfbrett. Eines Nachts wurde es dann aber so schlimm, dass wir direkt abgebaut und uns auf den Weg in ein Krankenhaus begeben haben. Da wir Santiago und damit auch gute Ärzte schon einigermaßen in der Nähe hatten, wollten wir eigentlich direkt in die Hauptstadt. Ohne einen kurzen Zwischenstopp im örtlichen Provinzkrankenhaus waren die 380 km allerdings nicht zu machen. So wurde Malte zunächst dort versorgt, recht – nun ja – einfach, allerdings unfassbar freundlich und bemüht und komplett kostenlos. Es folgte die strapaziöse nächtliche Fahrt über zum Glück sehr gute Straßen, bis wir schließlich völlig erschöpft Santiago erreichten, wo wir das deutsche Krankenhaus aufsuchten. So eine noble Klinik haben wir noch nie gesehen, alles schick, professionell und vor allem serviceorientiert. Alle Angestellten sprachen Englisch, es gab keine Wartezeiten und Malte wurde bestens versorgt. Im Anschluss quartierten wir uns zur Erholung für ein paar Tage in einem Hostel ein.

Auch wenn wir in den ersten Tagen keinen richtigen Blick für die Hauptstadt hatten, hat sie uns grundsätzlich positiv überrascht. Bisher hat niemand den wir unterwegs getroffen haben ein gutes Wort über die Stadt verloren – ganz so schlecht ist sie aber nicht. Das Flair ist entspannt und grün, die einzelnen Stadtteile kann man alle zu Fuß erkunden, alles ist sauber und es gibt seit Langem mal wieder wirklich alles zu kaufen. Mit offenen Mündern standen wir in manchem supermodernen Shoppingcenter. Insbesondere das Barrio Italia mit den vielen charmanten Innenhöfen, in denen sich Designboutiquen und Cafés befinden, hat es uns angetan. Bellavista begeisterte uns mit den vielen Restaurants, Bars und bunten Häuschen an baumbestandenen Straßen. Lastarria sei ebenfalls jedem für einen entspannten Bummel und Restaurantbesuch ans Herz gelegt. Das Barrio Brasil, von unserem Reiseführer ebenfalls angepriesen, entpuppte sich hingegen als Sammelsurium mittelmäßiger Restaurants und Autoersatzteilläden. Insgesamt war es wiederum schön, so viel Zeit für die Stadt zu haben und sich einfach treiben lassen zu können. Zudem konnten wir auch gleich noch unsere Freundin Dalia aus Hamburg in Empfang nehmen, die in Santiago einen Sprachkurs besucht, bevor wir gemeinsam mit ihr und ihrem Mann David den Norden Chiles erkunden wollen.

Wenn man den Vergleich zu Buenos Aires ziehen möchte, dann muss man sagen, dass Santiago nicht im Ansatz mit der spannenden Hauptstadt Argentiniens mithalten kann. Es gibt einige nette Ecken, die sind aber übersichtlich und schnell abgehakt. Viertel wie Palermo in Buenos Aires, in denen man sich tagelang beschäftigen kann, konnten wir nicht entdecken. Die Stadt wird irgendwie schnell langweilig, bei einer 6 Millionen Metropole durchaus überraschend. Das gilt allerdings keineswegs für ihre Umgebung. In nur 30 Minuten erreicht man Wandergebiete, die Outdoor-Möglichkeiten sind vielfältig. So konnte ich mir gemeinsam mit ein paar Leuten aus unserem Hostel an einem Vormittag eine tolle Aussicht auf die Stadt erwandern. Dieser Aspekt fehlt wiederum bei Buenos Aires, die perfekte Stadt wäre wohl eine Mischung aus beiden. Ein etwas saubereres Buenos Aires mit mehr Landschaft in der Umgebung… 🙂

Die Großstadt bescherte uns außerdem einen äußerst kompetenten Landrover Schrauber – ein echter Glücksgriff. Nach vollständigem Service ist der Dulli nun hoffentlich für alle Andenpässe und Staubpisten gerüstet. Die Anden werden wir in Kürze das erste Mal überqueren, auf dem Weg nach Mendoza, wo wir die verpasste Weinprobe nachholen wollen. Das kommt uns zusätzlich gelegen, da unser Visum für Chile bald ausläuft und wir uns so einen neuen Stempel holen können. Das wir mal in diese Situation kommen, hätten wir vor Reisebeginn auch nicht gedacht.


Unterkünfte

Ort: Nahe Los Angeles
Art: Campingplatz
Preis: 9.000 CLP
Annehmlichkeiten: warme Duschen, Grills, kleiner Shop, Minigolf, Pools
Sonstiges: schöner Platz, wenn man ihn für sich alleine hat
Koordinaten: S 37.22229, W 72.37083

Ort: Nahe Curanipe
Art: Campingplatz
Preis: in unserem Fall kostenlos, da geschlossen
Annehmlichkeiten: Toiletten, kalte Duschen, Strom
Sonstiges: einfacher Platz mit Surfschule in der Saison, direkt am Strand
Koordinaten: S 35.87393, W 72.66741

Ort: Nahe Constitucion
Art: Camping vor einem Hostel
Preis: 10.000 CLP
Annehmlichkeiten: Toiletten, warme Duschen, Surfboard Verleih, Surfschule in der Saison
Sonstiges: entspannte Atmosphäre, es können auch Cabañas gemietet werden, direkt am Strand
Koordinaten: S 35.36027, W 72.45720

Ort: Santiago
Art: Hostel
Preis: 70 USD für ein DZ mit eigenem Bad inkl. (einfachem) Frühstück
Annehmlichkeiten: Terrasse, vollausgestattete Küche
Sonstiges: sehr schönes Boutique Hostel in einer Altbau-Villa
Link: http://casaroble.cl

6 Gedanken zu “Auf der Überholspur nach Santiago de Chile

  1. Wieder ein sehr interessanter, schöner Bericht mit6 tollen Bildern, danke dafür. Hat der Malte etwas falsches gegessen oder einfach nur ´mal schlapp gemacht (smiley) ? Ich hoffe, es geht ihm wieder richtig gut. Freue mich auf die nächsten Berichte und wünsche weiterhin eine gute Reise.
    LG Pedro930

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  2. Hi Peter, die Ursache ist leider etwas unklar. Ich bin aber auf dem Weg der Besserung. War auch mal eine Erfahrung das chilenische Gesundheitssystem kennenzulernen. 😀
    Viele Grüße
    Malte

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  3. Auf so einer langen Tour muss man wohl alles mal mitmachen. Es ist wieder ein sehr schöner Bericht über eure Reise und vor allem sehr schöne Bilder zum „mitreisen“. Danke dafür. HEL

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