Unser Aufenthalt in La Paz war zweigeteilt. Zwischendurch legten wir einen Heimaturlaub ein und überraschten unsere Eltern mit unserem plötzlichen Auftauchen. Die Freude war auf beiden Seiten riesig und trotz dubioser Umsätze auf unseren Kreditkarten für die Buchung der Flüge haben sie tatsächlich nichts geahnt. Als wir dann vor der Tür standen, wurden wir fast nicht erkannt, aber schließlich lagen wir uns alle überglücklich in den Armen und hatten nach über acht Monaten auf Reisen viel zu erzählen. Wir wollten einfach mal ein paar Wochen vom Reisen verschnaufen, mal nichts Neues sondern nur Altbekanntes sehen, ein paar Sachen besorgen, die in Südamerika nicht aufzutreiben sind, Ersatzteile für den Dulli beschaffen und vor allem einfach eine schöne Zeit mit unseren Liebsten in der Heimat verbringen. Denn eine Sache, die wir bei all den tollen und aufregenden Erlebnissen der letzten Monate gelernt haben, dann ist es, wie wichtig uns unsere Familien und Freunde sind und natürlich, wie schön auch die Heimat ist (vor allem im Sommer :-). Wir haben unsere Prioritäten unterwegs wirklich gut kennengelernt und unter anderem realisiert, dass wir für entspannte Stunden mit der Familie in unserem Alltag vor der Reise häufig viel zu wenig Zeit und Ruhe hatten. Das wollten wir nun ändern! Daneben haben wir Deutschland mit all seinen Annehmlichkeiten natürlich sehr genossen. Die Supermärkte mit dem gigantischen Angebot, täglich im Grünen joggen zu können, sich keine Gedanken über Schlafplätze, Essen, Dusche usw. machen zu müssen und wir konnten endlich auch die vielen Erlebnisse der letzten Monate ein wenig verarbeitet. Nach dieser Zeit zuhause sind wir mit ganz neuer Motivation und großem Enthusiasmus wieder in unser Abenteuer gestartet.

Karte

La Paz ist eine wirklich verrückte Stadt und so lateinamerikanisch wie keine vorher. Es herrscht ein durchgehendes Verkehrschaos auf den vielen steilen Straßen („Hupen statt Bremsen lautet hier das Motto“) und es gibt Märkte, die neben dem üblichen Sammelsurium an Waren auch Kuriositäten wie Lama-Föten (die z.B. beim Bau eines Hauses Mutter Erde geopfert werden) und allerlei Kräuter und Pülverchen für oder gegen diverse Leiden im Angebot haben (je nachdem ob der Einnehmende Freund oder Feind ist). Zudem macht die Lage inmitten schneebedeckter Berge auf einer Höhe zwischen 3.000 und 4.000 m den Regierungssitz Boliviens zu einem einzigartigen Ort. Um die Distanzen bergauf und bergab bequem überwinden zu können, gibt es Seilbahnen von Doppelmayr wie im Skiurlaub, die als öffentlicher Nahverkehr fungieren. Alternativ gibt es auch ein paar lustige, bunte Busse, die einen mehr oder weniger zuverlässig von A nach B bringen. So eine Fahrt ist ein Abenteuer! Für preiswerte 25 Ct pro Person gibt es eine Dreiviertelstunde lang eine achterbahnartige Fahrt durch die Hügel der Stadt, zwischendurch auch mal einen Tankstop bei dem alle Fahrgäste kurzzeitig aussteigen müssen und einen leichten Schwindel durch die Benzindämpfe im Innenraum des Busses (zusätzlich zu dem bereits vorhandenen höhenbedingten Schwindel).

Mit Gerd, einem Deutschen, der bereits seit 25 Jahren in Bolivien lebt, unternahmen wir eine ganztägige Stadtführung. Er konnte uns sehr viel über das Leben in Bolivien, die traditionellen Bräuche, die Politik und die Konflikte mit den Nachbarländern berichten. Insbesondere das Thema des an Chile verlorenen Meerzugangs ist nach wie vor sehr präsent und vereint die sonst so verschiedenen Bevölkerungsgruppen in diesem plurinationalen Staat. Noch immer kämpft Bolivien vor dem internationalen Gerichtshof für einen Küstenzugang und überall begegneten uns entsprechende Werbeslogans. Auch der neue Regierungssitz, den Präsident Evo derzeit erbaut, ist ein äußerst konfliktbehaftetes Thema. Der Präsidentenpalast wird in Form eines gigantischen, klobigen Hochhauses errichtet, welches über den Kolonialbauten am zentralen Platz in La Paz thronen soll, um so die heutige Macht der indigenen Bevölkerung über die einstige Kolonialmacht zu demonstrieren.

Besonders haben uns aber mal wieder die Kuriositäten, die uns unterwegs begegneten, beeindruckt. Neben dem Hexenmarkt, dem wir schon vor unserer Abreise einen Besuch abgestattet hatten (Lama-Föten und Co.), besuchten wir mit Gerd einen gigantischen Markt in El Alto. El Alto ist der höchstgelegenste und ärmste Teil von La Paz bzw. inzwischen eine eigenständige Stadt, die aber nahtlos mit La Paz verschmilzt. Hier liegt auch der Flughafen, der übrigens der höchste internationale Flughafen der Welt ist. Der Markt hier hat ganz andere Ausmaße als alle bisher besuchten Märkte und durch den fantastischen Blick aus der Seilbahn, die direkt über die unzähligen Stände schwebt, konnten wir die Größe einigermaßen erfassen. Hier gibt es neben Lebensmitteln, Kleidung, Tieren, Elektrogeräten, nicht nur Autoteile, sondern auch ganze Autos zu kaufen. Daneben werben eine Vielzahl von Schamanen um Kundschaft und beraten diese bei diversen Lebensentscheidungen oder weihen Alltagsgegenstände, wie das neue Auto oder auch nur den Autositz. Letzteres konnten wir live beobachten als eine dreiköpfige Familie das Sitzpolster auspackte und die Schamanin eine Feuerschale zunächst über den Köpfen der Familie schwenkte und dann über dem Polster. Ein wichtiger Bestandteil der Rituale ist außerdem der 96-prozentige Alkohol, der während der Zeremonie großzügig verspritzt oder von dem auch mal ein Schlückchen genommen wird. Ein echtes Allheilmittel!

Ein weiterer skurriler und erschreckender Aspekt des bolivianischen Lebens ist die Selbstjustiz, die vielerorts noch immer verübt wird. Es ist wohl an der Tagesordnung, dass Diebe, Vergewaltiger und andere Verbrecher von der Nachbarschaft kurzerhand gejagt, auf dem örtlichen Sportplatz gefesselt und wenn es günstig für den Beschuldigten läuft, verprügelt oder im ungünstigeren Fall gleich bei lebendigem Leib verbrannt werden. Um potentielle Straftäter an diese möglichen Konsequenzen zu erinnern, werden in regelmäßigen Abständen Stoffpuppen an den Laternenpfählen am Straßenrand aufgehängt. Laut Gerd funktioniert diese Abschreckungsmethode allerdings nur bedingt, denn die Kriminalität ist nach wie vor hoch und die Fälle von Selbstjustiz ebenfalls.

Bevor wir La Paz schließlich verlassen konnten, mussten wir einer Werkstatt einen Besuch abstatten, um die mitgebrachten Ersatzteile montieren zu lassen. Glücklicherweise gibt es in La Paz eine Werkstatt unter schweizerischer Leitung und diese entpuppte sich dann auch als die aufgeräumteste und sauberste Werkstatt, die wir in ganz Südamerika bisher gesehen haben. Wir durften sogar in der Werkstatt campen und bauten so gemütlich unseren Frühstückstisch auf während fleißig am Dulli geschraubt wurde.

Von La Paz ging es weiter in die Yungas. Die Yungas sind die Osthänge der Anden zwischen 1.000 und 2.000 m und das Hauptanbaugebiet für Koka. Die Fahrt vom höchsten Punkt auf 4.650 m hinunter auf 1.000 m war einzigartig. Von karger Andenlandschaft ging es durch immer dichter und üppiger werdende Vegetation sowie immer höhere Luftfeuchtigkeit hinunter in wärmere Gefilde. Die Ausblicke unterwegs waren fantastisch, insbesondere durch die aufkommenden Wolken, die anfangs unter uns in den Bergen hingen. Es war ein Gefühl wie Fliegen, unglaublich! Unten angekommen genossen wir das wärmere Wetter und besichtigten eine Kaffee-Plantage. Eine der wenigen Flächen, auf denen noch etwas anderes als Koka angepflanzt wird. Auf der kleinen Führung konnten wir von den Setzlingen der Kaffeepflanze, über die reifen Kaffeekirschen, den Ernte- und Trocknungsprozess bis hin zur Röstung den ganzen Herstellungsprozess besichtigen und viel lernen. Die Leidenschaft mit der hier die aufwendige Kaffeeproduktion betrieben wird hat uns sehr begeistert.

Zurück in Richtung La Paz ging es auf der berühmten „Todesstraße“. Diese stellte einst die einzige Verbindung zwischen La Paz und den Yungas dar und verzeichnete durch den starken LKW- Verkehr auf der engen und mitunter rutschigen Straße am Abhang jährlich bis zu 300 Todesopfer. Seitdem eine neue asphaltierte Straße errichtet wurde, ist die einstmals berüchtigte Strecke nurmehr eine Touristen-Attraktion und wird überwiegend von Mountainbikern genutzt. Sie ist inzwischen weniger beängstigend, dafür aber wunderschön mit grandiosen Ausblicken, Wasserfällen und dichter Vegetation an den steilen Abhängen. Es fährt immer derjenige am Abhang, dessen Fahrer auf der Seite des Abhangs sitzt. Glücklicherweise bedeutete das für uns, dass wir bei dem wenigen Gegenverkehr, der uns begegnete meistens auf der Bergseite fahren konnten. Alles andere ist auch heute noch mehr als furchteinflößend. Wie das einstmals mit hohem Verkehrsaufkommen gewesen sein muss wollen wir uns lieber nicht vorstellen…


Unterkünfte

Ort: La Paz
Art: Camping vor einem Hotel
Preis: 120 Bol
Annehmlichkeiten: warme Duschen, saubere Waschräume, Pool, Wifi, Restaurant mit Schweizer Spezialitäten, Spa gegen Gebühr
Sonstiges: ein Klassiker unter Overlandern, für 18 Bol / Tag kann man sein Auto sicher abstellen
Koordinaten: -16.56788, -68.08930

Ort: La Paz
Art: Werkstatt
Preis: kostenlos
Annehmlichkeiten: Toilette, Wasser, Strom
Sonstiges: Ernesto ist Schweizer und führt eine sehr ordentliche Werkstatt, in der man auch campen darf
Koordinaten: -16.51538, -68.13572Ort: La Paz
Art: Campingplatz
Preis: 100 Bol
Annehmlichkeiten: warme Dusche, saubere Waschräume, Hängematten, Außenküche, Feuerstellen
Sonstiges: wunderschöner Platz mit spektakulärem Blick, leider kaum ebene Flächen für Autos
Koordinaten: -16.59112, -68.06945

Ort: Coroico
Art: Camping auf einer Kaffeefarm
Preis: kostenlos bzw. Preis für Essen und / oder Kaffee-Tour Annehmlichkeiten: Toilette, tagsüber Restaurant
Sonstiges: die Tour ist sehr interessant und das Essen wirklich gut
Koordinaten: -16.21763, -67.72295

Ort: an der „Todesstraße“
Art: freies Camping
Preis: kostenlos
Annehmlichkeiten: keine
Sonstiges: direkt an der Straße, nachts allerdings kein Verkehr, daher sehr schön ruhig und mit tollem Ausblick
Koordinaten: -16.22324, -67.77711

4 Gedanken zu “Bolivien – Das Finale: La Paz und die „Todesstraße“

  1. Mal schnell nach Hause und weiter geht’s!
    Ich bin total begeistert von eurer Küchenbox! Ihr hoffentlich auch nach wie vor? Wo habt ihr die her bekommen, ich suche schon länger nach dieser Lösung?
    Viel Spaß euch noch!

    Gefällt 1 Person

  2. Hi, die Küchenbox ist von Kiwi-Equipment. Dort findet man sie aber nicht im Onlineshop. Am besten anrufen.
    Die Box ist klasse und vor allem absolut staub- und wasserdicht.
    Den Ausbau der Küche haben wir individuell bei jemandem machen lassen, der eigentlich Bullis ausbaut. So passt alles perfekt zu unserem Equipment.
    Ansonsten hat Offroad-Tec jetzt auch so eine Kiste. Die gefällt mir optisch aber nicht ganz so gut.

    Vielen Dank und Grüße in die Heimat

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